Ohne mich mit langen Definitionen herum zu schlagen: Es besteht ein offenkundiges Missverhältnis zwischen den Begriffen Objektivität und Meinung: reine, wahre und unbedingte Objektivität, also ein umfassendes und von allen Erkenntnissubjekten geteiltes und teilbares Wissen von der Welt, so wie sie sich uns darstellt, können wir kaum erlangen. Über den Wert eines Wissens lässt sich auf objektiver Ebene nicht viel aussagen. Über seine Geltung hingegen schon. Ein Beispiel: Naturkausalität gilt notwendig, es wäre töricht, vom Gegenteil auszugehen, nämlich dass wir fliegen könnten. Dieses Wissen über die Natur darf getrost als objektives Wissen dargestellt werden. Es wird von beinahe allen Menschen geteilt. Bei anderem Wissen wird es da schon schwieriger: Welchen Wert und welche Geltung hat das Wissen einer alten indianischen Kultur für uns? Lassen sich Geltungsansprüche neuzeitlicher Rationalität überhaupt damit verbinden? Oder gar nur vergleichen? Ich halte fest: objektives Wissen ist zunächst intersubjektiv geteiltes Wissen. Eine Meinung ist dagegen scheinbar notwendig Subjektiv. Dies schmälert nicht unbedingt ihren Wert, sehr wohl aber ihre Geltung. Wenn nur ich eine Marien-Erscheinung habe, meine Umwelt allerdings nicht, wird es schwer, das für mich faktisch Vorhandene den anderen mitzuteilen: Wir bewegen uns im Bereich des Glaubens. Jedoch verschwimmen die Kriterien: Es wurde öfter schon von kollektiven Marien-Erscheinungen berichtet, ganze Ortschaften bezeugen UFO-Landungen und bis vor nicht allzulanger Zeit war man sich einig, dass die Wälder von Zwergen, Gnomen und Elfen bewohnt seien. Und im Gegensatz zu einem rein subjektiven Geschmacksurteil a là “was ziehe ich heute an” waren (oder sind) sich die Menschen einig, dass es sich dabei um objektive Phänomene handele.
Wenn wir über das Verhältnis von Objektivität und Meinung sprechen, geht es also um die Frage nach Wert einerseits und Geltung andererseits.Intersubjektivität stellt Geltung her. Wert legitimiert diese. Wirklichkeit, wie wir sie erleben, ist allerdings nicht misszuverstehen mit einer Form der demokratischen Abstimmung. Wir können uns nicht aussuchen, in welcher objektiven Welt wir leben. Ich bin noch nichteinmal sicher, ob wir unsere eigene, subjektive Welt frei wählen können (Stichworte: Strukturdeterminismus, Habitus). Die Wirklichkeit zeichnet sich durch ihre Wirkung aus, die wir erfahren, wenn wir versuchen, ihre Grenzen zu überwinden. Gleichzeitig ist Wirklichkeit auch ein limitierendes Konstrukt. Doch so mancher ‘positive thinker’ ist schon an ihr gescheitert. Denn die Welt ist nicht mein Wille und meine Vorstellung. Wenn wir so überhaupt rankommen, dann nur indem wir so etwas einführen wie ‘Weltwillen’ und diesem müsste wiederrum ein legitimierender Wert zur Seite stehen – so kommen wir nicht weiter.
Ich wage daher noch einen zweiten, epistemologischen, Versuch bei dem ich das Wissen über die Begrifflichkeiten in Bezug zueinander setzen möchte, sofern möglich:
Wir haben also Objektivität, das Gegenständliche, begreifbare oder zu begreifende. Objektiv etwas zu erkennen, bedeutete etwas in seinem so-sein zu erkennen. Also so wie es ist: rein, nackt, unverstellt. Sofern es ist. Dieser Vorgang des Erkennens von etwas als etwas ist erfahrungsbezogen aber sie entspringt nicht allein der Erfahrung (Kant). Wissenschaftliche Forschung, zumindest mit Popper, stellt Sätze auf und überprüft diese systematisch am Experiment. Die Ergebnisse legt sie der Gemeinde zum Nachprüfen vor, “die ‘objektiven’ Begründungen müssen grundsätzlich von jedermann nachgeprüft und eingesehen werden können” (Popper 1994, S. 18e). Nichts gilt jemals als objektiv wahr, ja noch nichteinmal als wahrscheinlich, Hypothesen sind nicht beweisbar, aber begründbar (ebd.) und die Begründung gilt solange, bis sie widerlegt ist (Falsifikation). Objektive Geltung geschieht also durch Anerkennung. Lege ich meine Forschung niemandem vor oder interessiert sie niemanden, ist nicht viel erreicht (Ein einfaches Beispiel: Hohlweltthfeorie). Die Objektivität der Wissenschaftlichen Sätze liegt darin, daß sie intersubjektiv nachprüfbar sein müssen (ebd.).
Die Meinung hat es da schon einfacher. Meinen kann man viel. “Das Wort ‘subjektiv bezieht sich bei Kant auf unsere Überzeugungserlebnisse” (ebd.). Das Zustandekommen derartiger Erlebnisse ist Sache der Psychologie, nach Popper führt das zur These, “dass subjektive Überzeugungserlebnisse niemals die Wahrheit wissenschaftlicher Sätze begründen, sondern innerhalb der Wissenschaft nur die Rolle des Objekts der wissenschaftlichen, nämlich empirisch-psychologischen Forschung spielen können” (ebd., S. 20). Wer ‘meint’, ist von seiner Überzeugung eingenommen. Er eignet sie sich sozusagen als Teil seiner selbst an. “Es ist ‘meins’, meine Meinung lasse ich mir nicht nehmen” ist die Kernthese des Subjektivismus in der auch eine ethische Forderung steckt, in sofern das Postulat lautet: Nimm anderen ihre Meinung nicht weg. Wir sind alle unterschiedlich, wir fühlen unterschiedlich, wir leben unterschiedlich, also bitteschön, jeder hat ein Recht auf seine Meinung (und seine Werte). Aber gerade (objektive) Wahrheit und Werte sind eben nicht subjektiv Begründet. Niemand vertritt heute ernsthaft die Aussage: “Ich bin der Meinung, die Erde ist eine Scheibe und wir könnten herunterfallen, wenn wir uns zu nahe am Rand befinden”. Sondern wir sind uns alle (oder zumindest beinahe alle) darüber einig, dass unsere Kosmologie grundsätzlich anders aufgebaut sein muss, da sie auf gewissen logischen Grundannahmen basiert. Natürlich basierte auch die Kosmologie der antiken Griechen, der Mayas und der Hopi-Indiander auf Grundannahmen, aber diese sind nunmal nicht nur mit den unseren unvergleichbar sondern auch schlichtweg unvereinbar. Wir können kein Sphärenmodell annehmen, wenn Evidenzien der Astrologie, der Geologie, der Raumfahrt etc. dagegensprechen. Deren Erkenntnisse wurden über die Jahrhunderte erforscht, vorgelegt und für bewährt gehalten. Bislang hat sich das Kopernikanische Weltbild als falsifikationsversuchen gegenüber stabil erwiesen. In anderen Wissenschaftszweigen sieht das natürlich anders aus. Das Grundprinzip bleibt: Wissen ist nicht Meinen. Es sind die Klippen der Wirklichkeit, an denen unsere Meinungen zerschellen (frei nach Novalis).

Warum all dies gelehrige Geschwätz? Um zu zeigen, dass eine Meinung nicht objektiv ist und auch gar nicht sein kann, weil wir es mit zwei gegensätzlichen Begriffen und Verwendungsarten zu tun haben. Wir sehen also das Paradox darin, dass ein falsch verstandener Objektivismus auf diese Weise zu einem Subjektivismus wird. Gerade für die Wissenschaft wäre dies legitimatorisch fatal und klingt nach postmoderner Beliebigkeit. Würden wir annehmen, es ginge in der Wissenschaft um objektiven Subjektivismus, dann bräuchten wir dieser Veranstaltung nicht länger beiwohnen und könnten uns auf die ferne Insel der Subjektivisten zurück ziehen. Dorthin nämlich, wo jeder seine eigene Meinung für sich (!) objektiv begründen kann. Und dann wären wir im Nachmittagsprogramm von RTL und Pro7 angelangt.
Literatur
Popper, Karl R. (1994): Logik der Forschung. Zehnte, verbesserte und vermehrte Auflage. Tübingen. S. 2-28
Popper, Karl R. (1994): Logik der Forschung. Zehnte, verbesserte und vermehrte Auflage. Tübingen. S. 2-28