Esse est participii

Allgemeine Prinzipien aufstellen ist normalerweise nicht so meine Sache. Doch gerade auf dem Heimweg ist mir ein Gedanke gekommen, den ich gerne aufgreifen und ausformulieren möchte. Es ist die alte Frage, wie das Sein zum Seienden wird. Müßig eigentlich, da unzählige Male bereits diskutiert, möchte ich formulieren: Esse est participii. Unabhängig davon, ob hinter das letzte i noch ein weiteres müsste, um der grammatikalischen Korrektheit zu genügen, bedeutet das frei: Sein ist Teilhabe. Heist also: Das Sein wird zum Seienden indem es an dem was ist teil hat. Das legt auch nahe, dass das was ist, immer schon Teil des Seins ist,  ihm also nicht vorrausgeht, wie das Bewusstsein dem Sein zum Beispiel, sondern immer schon inhärenter Bestandteil von sich selbst ist.

Das wirft gewisse Probleme auf. Nämlich, da nun gesetzt ist, dass der Mensch immer nur in der Welt in der er lebt, zum Menschen wird, indem er an ihr Teil hat; so welche Kriterien gibt es, die die Teilhabe, oder zumindest das Maß, festlegen. Und wie dieses Verhältnis sich in modernen ausdifferenzierten Gesellschaften gestaltet, welche Bedingungen es gibt, nach denen sich das Maß der Teilhabe bilden kann.

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Schwerpunkt: Arbeit

In letzter Zeit sind auf zeit-online einige Artikel, Buchbesprechungen und Film-Hinweise zum Thema Arbeit erschienen. Diese fasse ich hier zusammen, um sowohl für mich selbst eine Sammlung zu haben, als auch sie anderen Lesern anbieten zu können:

Besprechung von “Work Hard”, Film 2012 (Siehe auch in der Süddeutschen) läuft ab 19.04 in Stuttgart, Atelier am Bollwerk

Besprechung von Alain de Botton “Freuden und Mühen der Arbeit”, Buch 2012

Besprechung von Thomas von Steinaecker “Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen”, Buch 2012

Besprechung von Christoph Bartmann “Leben im Büro”, Sachbuch 2012

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Wofür gibt es öffentliche Badeanstalten?

Ja, die Überschrift deutet bereits auf die zentrale Frage dieses Artikels hin: Zu welchem Zwecke unterhalten die Kommunen öffentliche Badeanstalten und subventionieren sie zu einem großen Teil dabei auch noch weitgehend? Das läuft jedoch nicht, wie Kritiker gleich vermuten würden, darauf hinaus, ein Plädoyer zur Abschaffung öffentlich subventionierter Einrichtungen, wie Theater, Konzerthäuser, Kindergärten und eben Badeanstalten zu halten. Es geht vielmehr darum, sich zu überlegen welchen Nutzen und Aufgaben diese Anstalten in vergangenen Zeiten hatten, welche heute – und welche sinnvolle Perspektive sich zukünftig anbieten würde.

Den Zwischenteil lasse ich aus Zeitgründen aus und komme direkt zu meiner These:
Der Verbrauch natürlicher Ressourcen durch die Bewohner der Städte ist inflationär. Im Zuge der Individualisierung als zentrales Element der Modernisierung, ist auch die die öffentliche Hygiene durch Badeanstalten immer mehr ins heimische Badezimmer gerückt. Diese Badeanstalten erfüllen heute bestenfalls noch eine gewisse Fitness-Funktion (die sie natürlich auch immer schon inne hatte) und der Aspekt der Hygiene für die Massen ist längst nicht mehr Aufgabe dieser Anstalten. Nun ist allerdings das Badezimmer ein alles andere als ökologisch sinnvoller Ort. Ausgiebiges tägliches, mehrmals tägliches Duschen vergeudet Wasser, verschmutzt Gewässer und verbraucht Unmengen an Energie zu Erwärmung des Wassers.

Nicht verzagen, hier kommt die Forderung: Öffentliche Badeanstalten sollen einen preislich moderaten Kurzzeit-Tarif von 30 Minuten einführen. Dieser soll Anreize schaffen, statt des eigenen Badezimmers öfter die öffentlichen Duschen zu benutzen. Warum? Zentralisierte Hygiene-Bereiche sind weitaus einfacher in der Handhabung: Warmes Wasser kann im Rücklauf dazu dienen, kaltes zu erwärmen, zentrale Wasserspeicher sind effizienter in der Handhabung, regenerative Energien können direkt genutzt werden und letztlich sind öffentliche Badeanstalten auch immer ein Ort des Kontaktes und der Vernetzung.

Ok, ok. Wahrscheinlich werden die meisten mich jetzt einen Spinner schimpfen. Wie soll man denn seine Hygienebedürfnisse ausschließlich im Hallenbad tätigen, das wäre doch Blödsinn. Täglich den weiten Weg auf sich nehmen kostet schließlich auch wieder Ressourcen und überhaupt. Ja verdammte Scheiße. Dann duscht eben nicht so oft. Penner.

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Der letzte parrheiatische Akt des deutschen Intellektualismus

Es gibt keinen Intellektuellen mehr im Lande, es sei der vielbeschworne Experte. Der Experte bleibt moralischen Fragen begründet fern. Der Intellektuelle fordert sie vehement ein. Der Intellektuelle darf als allzeitiger Klugscheißer sich über vieles erregen. Er gibt seine Meinung ebenso begründet zum Besten – der Nation oder der höheren Sache zu Diensten verpflichtet. Er äußert sich in äußerster Not, das verleiht seinem Anliegen besondere Brisanz. Zusätzlich bringt der Intellektuelle eine gewisse überregionale Bekannteit und Medienwirksamg mit. Der performative Akt des zu Tage tretens ist Anstoß für Wahrheit. Der Intellektuelle ist alt und seine Ideale von gestern. Der Experte hingegen weiß besser. Er bennent die Probleme nicht vor ihrem auftreten sondern danach. Er ist Manager, wir kriegen das in den Griff. Der Experte ist von Reaktion geprägt. Er erhebt nicht die Stimme, weil er nicht weiß, wogegen. Ich weiß nicht, wer dem Intellektualismus eher das Ende setzen wird: Das Alter, der Experte – oder der Intellektuelle selbst.

 

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Agrarstaat Griechenland

Es war vollbracht, bei Morgentau gab man sich die Hand,
manch schwere Stund wurd miteinander getagt

Der Kuchen geteilt, das Schwein filetiert?
Den Kadaver zerfetzt, das trifft es wohl mehr.

Ein Mensch auf der Straße:
Genug, ich will keinen Arbeiter- und Bauernstaat!
Man lachte, niemand hob die Hand.

Griechenland jetzt, wir schaffen dich ab!
Schlichen sie hinaus auf ihr Land.
Der Patient am Boden, ersteht nimmer mehr auf.

 

[Was Grass kann, schaffe ich auch.]

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Über das Verhältnis von Objektivität und Meinung

Ohne mich mit langen Definitionen herum zu schlagen: Es besteht ein offenkundiges Missverhältnis zwischen den Begriffen Objektivität und Meinung: reine, wahre und unbedingte Objektivität, also ein umfassendes und von allen Erkenntnissubjekten geteiltes und teilbares Wissen von der Welt, so wie sie sich uns darstellt, können wir kaum erlangen. Über den Wert eines Wissens lässt sich auf objektiver Ebene nicht viel aussagen. Über seine Geltung hingegen schon. Ein Beispiel: Naturkausalität gilt notwendig, es wäre töricht, vom Gegenteil auszugehen, nämlich dass wir fliegen könnten. Dieses Wissen über die Natur darf getrost als objektives Wissen dargestellt werden. Es wird von beinahe allen Menschen geteilt. Bei anderem Wissen wird es da schon schwieriger: Welchen Wert und welche Geltung hat das Wissen einer alten indianischen Kultur für uns? Lassen sich Geltungsansprüche neuzeitlicher Rationalität überhaupt damit verbinden? Oder gar nur vergleichen? Ich halte fest: objektives Wissen ist zunächst intersubjektiv geteiltes Wissen. Eine Meinung ist dagegen scheinbar notwendig Subjektiv. Dies schmälert nicht unbedingt ihren Wert, sehr wohl aber ihre Geltung. Wenn nur ich eine Marien-Erscheinung habe, meine Umwelt allerdings nicht, wird es schwer, das für mich faktisch Vorhandene den anderen mitzuteilen: Wir bewegen uns im Bereich des Glaubens. Jedoch verschwimmen die Kriterien: Es wurde öfter schon von kollektiven Marien-Erscheinungen berichtet, ganze Ortschaften bezeugen UFO-Landungen und bis vor nicht allzulanger Zeit war man sich einig, dass die Wälder von Zwergen, Gnomen und Elfen bewohnt seien. Und im Gegensatz zu einem rein subjektiven Geschmacksurteil a là “was ziehe ich heute an” waren (oder sind) sich die Menschen einig, dass es sich dabei um objektive Phänomene handele.

Wenn wir über das Verhältnis von Objektivität und Meinung sprechen, geht es also um die Frage nach Wert einerseits und Geltung andererseits.Intersubjektivität stellt Geltung her. Wert legitimiert diese. Wirklichkeit, wie wir sie erleben, ist allerdings nicht misszuverstehen mit einer Form der demokratischen Abstimmung. Wir können uns nicht aussuchen, in welcher objektiven Welt wir leben. Ich bin noch nichteinmal sicher, ob wir unsere eigene, subjektive Welt frei wählen können (Stichworte: Strukturdeterminismus, Habitus). Die Wirklichkeit zeichnet sich durch ihre Wirkung aus, die wir erfahren, wenn wir versuchen, ihre Grenzen zu überwinden. Gleichzeitig ist Wirklichkeit auch ein limitierendes Konstrukt. Doch so mancher ‘positive thinker’ ist schon an ihr gescheitert. Denn die Welt ist nicht mein Wille und meine Vorstellung. Wenn wir so überhaupt rankommen, dann nur indem wir so etwas einführen wie ‘Weltwillen’ und diesem müsste wiederrum ein legitimierender Wert zur Seite stehen – so kommen wir nicht weiter.

Ich wage daher noch einen zweiten, epistemologischen, Versuch bei dem ich das Wissen über die Begrifflichkeiten in Bezug zueinander setzen möchte, sofern möglich:

Wir haben also Objektivität, das Gegenständliche, begreifbare oder zu begreifende. Objektiv etwas zu erkennen, bedeutete etwas in seinem so-sein zu erkennen. Also so wie es ist: rein, nackt, unverstellt. Sofern es ist. Dieser Vorgang des Erkennens von etwas als etwas ist erfahrungsbezogen aber sie entspringt nicht allein der Erfahrung (Kant). Wissenschaftliche Forschung, zumindest mit Popper, stellt Sätze auf und überprüft diese systematisch am Experiment. Die Ergebnisse legt sie der Gemeinde zum Nachprüfen vor, “die ‘objektiven’ Begründungen müssen grundsätzlich von jedermann nachgeprüft und eingesehen werden können” (Popper 1994, S. 18e). Nichts gilt jemals als objektiv wahr, ja noch nichteinmal als wahrscheinlich, Hypothesen sind nicht beweisbar, aber begründbar (ebd.) und die Begründung gilt solange, bis sie widerlegt ist (Falsifikation). Objektive Geltung geschieht also durch Anerkennung. Lege ich meine Forschung niemandem vor oder interessiert sie niemanden, ist nicht viel erreicht (Ein einfaches Beispiel: Hohlweltthfeorie). Die Objektivität der Wissenschaftlichen Sätze liegt darin, daß sie intersubjektiv nachprüfbar sein müssen (ebd.).

Die Meinung hat es da schon einfacher. Meinen kann man viel. “Das Wort ‘subjektiv bezieht sich bei Kant auf unsere Überzeugungserlebnisse” (ebd.). Das Zustandekommen derartiger Erlebnisse ist Sache der Psychologie, nach Popper führt das zur These, “dass subjektive Überzeugungserlebnisse niemals die Wahrheit wissenschaftlicher Sätze begründen, sondern innerhalb der Wissenschaft nur die Rolle des Objekts der wissenschaftlichen, nämlich empirisch-psychologischen Forschung spielen können” (ebd., S. 20). Wer ‘meint’, ist von seiner Überzeugung eingenommen. Er eignet sie sich sozusagen als Teil seiner selbst an. “Es ist ‘meins’, meine Meinung lasse ich mir nicht nehmen” ist die Kernthese des Subjektivismus in der auch eine ethische Forderung steckt, in sofern das Postulat lautet: Nimm anderen ihre Meinung nicht weg. Wir sind alle unterschiedlich, wir fühlen unterschiedlich, wir leben unterschiedlich, also bitteschön, jeder hat ein Recht auf seine Meinung (und seine Werte). Aber gerade (objektive) Wahrheit und Werte sind eben nicht subjektiv Begründet. Niemand vertritt heute ernsthaft die Aussage: “Ich bin der Meinung, die Erde ist eine Scheibe und wir könnten herunterfallen, wenn wir uns zu nahe am Rand befinden”. Sondern wir sind uns alle (oder zumindest beinahe alle) darüber einig, dass unsere Kosmologie grundsätzlich anders aufgebaut sein muss, da sie auf gewissen logischen Grundannahmen basiert. Natürlich basierte auch die Kosmologie der antiken Griechen, der Mayas und der Hopi-Indiander auf Grundannahmen, aber diese sind nunmal nicht nur mit den unseren unvergleichbar sondern auch schlichtweg unvereinbar. Wir können kein Sphärenmodell annehmen, wenn Evidenzien der Astrologie, der Geologie, der Raumfahrt etc. dagegensprechen. Deren Erkenntnisse wurden über die Jahrhunderte erforscht, vorgelegt und für bewährt gehalten. Bislang hat sich das Kopernikanische Weltbild als falsifikationsversuchen gegenüber stabil erwiesen. In anderen Wissenschaftszweigen sieht das natürlich anders aus. Das Grundprinzip bleibt: Wissen ist nicht Meinen. Es sind die Klippen der Wirklichkeit, an denen unsere Meinungen zerschellen (frei nach Novalis).

Warum all dies gelehrige Geschwätz? Um zu zeigen, dass eine Meinung nicht objektiv ist und auch gar nicht sein kann, weil wir es mit zwei gegensätzlichen Begriffen und Verwendungsarten zu tun haben. Wir sehen also das Paradox darin, dass ein falsch verstandener Objektivismus auf diese Weise zu einem Subjektivismus wird. Gerade für die Wissenschaft wäre dies legitimatorisch fatal und klingt nach postmoderner Beliebigkeit. Würden wir annehmen, es ginge in der Wissenschaft um objektiven Subjektivismus, dann bräuchten wir dieser Veranstaltung nicht länger beiwohnen und könnten uns auf die ferne Insel der Subjektivisten zurück ziehen. Dorthin nämlich, wo jeder seine eigene Meinung für sich (!) objektiv begründen kann. Und dann wären wir im Nachmittagsprogramm von RTL und Pro7 angelangt.

Literatur
Popper, Karl R. (1994): Logik der Forschung. Zehnte, verbesserte und vermehrte Auflage. Tübingen. S. 2-28

 

 

Popper, Karl R. (1994): Logik der Forschung. Zehnte, verbesserte und vermehrte Auflage. Tübingen. S. 2-28

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Demokratie im Containerstaat

Nun, das Ergebnis der Volksabstimmung zu oder für oder über oder gegen oder wie auch immer Stuttgart21 dürfte hinlänglich bekannt und auf verschiedenen Ebenen bei den Beteiligten, ob nun für oder gegen sei dahingestellt, in deren je eigene Reflektion und Konsequenzen eingeflossen sein. Daher soll das auch nicht weiter Gegenstand sein.

Auch auf die möglichen Fragestellungen der nachholenden Legitimation des Projekts, der künftige Rechtfertigung exorbitanter Kostensteigerungen (“Das Volk will Stuttgart21, also wird jetzt gebaut, koste was wolle”) sowie der im Vorfeld hinlänglich bekannten (und vor allem von Seiten der gewählten Vertreter) nicht abschließend diskutierten demokratietheoretischen Probleme der Volksabstimmung möchte ich nicht eingehen.

Was mich hingegen sehr interessiert und daher die Frage sei, der ich hier nachgehen möchte, ist: Erleben wir momentan in Baden-Württemberg ebenso wie auf nationaler und supranationaler Ebene eine bedeutende Veränderung der Regierungstechnik?

Nicht nur die Verkündungen des Herren Ministerpräsident Kretschmann am Wahlabend der Abstimmung, es handele sich dabei um einen wichtigen Schritt für die Demokratie in Richtung der vielbeschworenen Bürger- oder Zivilgesellschaft deuten darauf hin, dass gerade etwas von statten geht, das genauerer Betrachtung bedarf. Auch interessant scheint in diesem Zusammenhang, dass in Anbetracht der wohl in kürze zu vollziehenden Räumung des Parkes und dem damit verbundenen Abriss des Bahnhofs-Seitenflügels sowie der Fällung der Bäume unlängst damit begonnen wurde, ein Container-Lager für die Aufständischen zu errichten.

Naja, ich sehe schon, hier muss ich weiter denken… mein Ansatz ist noch nicht ausgereift. Ich komme darauf zurück ;-)

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Wo war hier bitte Revolution?

Im Oktober vergangenen Jahres habe ich in einem kurzen Kommentar auf die Aktion der Radaktion der Zeitschrift agora42 namens “Du bist Revolution” hingewiesen. Schon damals überwog mein Zweifel an der Kampagne jede möglicherweise gut gemeinte Absicht dahinter. Eben bin ich auf einen anderen Blog-Artikel gestoßen, der nachträglich ebenfalls dazu kritisch Stellung nimmt. Bezeichnender weise ist die Website der agora-Revolutionäre (du-bist-revolution.de) mittlerweile offline gegangen. Kein Wunder, lässt der Rückblick auf die Preisverleihung in Stuttgart im Frühjahr 2011 auch arg übles vermuten.

à propos: Was ist eigentlich aus den Stuttgarter Revolutionären geworden? Hat die Volksabstimmung ihr Ziel erreicht, die nun in arge Bedrängnis geratenen Bahnhofsgegner kalt zu stellen? Schade, diese Bewegung hatte möglicherweise tatsächlich das Potential, der Funke einer wirklichen Bottom-Up-Revolution zu sein, die hätte um sich greifen können. Oder war sie nur Sprungbrett für die Grünen? Vielleicht werden wir weiter sehen, wenn im Januar die Polizeitausendschaften beginnen, die Parkbesetzer in das hübsch am Neckar gelegene Container-Ressort zu verfrachten.  Möglicherweise bekommen die Projektbetreiber dann aber auch ein Problem mit der Zahlenmäßig zwar unterlegenen aber überzeugenden Minderheit von rd. 43% der Beteiligten an der Volksabstimmung.

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Über letzte Male

Wir werden im Leben wiederholt und unausweichlich mit der Tatsache der Endlichkeit konfrontiert. Wir als Personen sind endlich. Ebenso die Menschen die uns umgeben sind endlich. Auch die Dinge sind endlich. Das Lied, das ich gerade höre hat ein ebenso definitives Ende, wie der Augenblick. Zeit verstreicht – Welt ist endlich. Welt zeigt sich mir als eine zerrinnende Reihung letzter Male. Solange man jung ist, scheint das unerheblich. Und doch erleben wir ständig letzte Male und zergehen daran mit einer besonderen Art des Abschiedsschmerzes und der Sehnsucht. Der letzte warme Tag im Jahr. Das letzte Zusammensein mit guten Freunden vor einer langen Trennung. Der letzte Sex mit dem Partner. Hesse schreibt in seinem bekannten Gedicht “Stufen”, jedem Anfang wohne ein Zauber inne. Recht hat er, wenn den Anfang gleichbedeutend mit dem Ende des vorhergehenden Moments setzt. Was ist es, dieses Ende das zugleich Anfang sein soll? Ich schreibe gerade Weihnachtskärtchen an meine Verwandten, Großeltern, Großtanten und Onkel, alle weit über 80 Jahre alt. Ich schreibe die Kärtchen nicht weil ich besonders gerne Kärtchen schreibe oder besonders gern erzähle, was ich gerade so mache oder viel von platten Wünschen halte; sondern gerade weil ich weiß, dass es das letzte Weihnachten sein könnte, das sie erleben. Und vielleicht schreibe ich noch in zehn Jahren Kärtchen an meine dann um zehn Jahre älteren Großeltern und Großtanten und Onkels. Und möglicherweise schreibe ich auch eines Tages meinen Eltern: Kärtchen zu Ostern, Kärtchen zum Geburtstag, Kärtchen zu Weihnachten. Nicht aus besonderem Pathos. Sondern einfach nur, weil es das letzte Mal sein könnte; damit sie wissen, dass ich noch an sie gedacht habe.

[Zudem möchte ich hinzufügen, dass ich mir ganz schön schwer tue, mit einem Stift auf ein Kärtchen definitive, nicht auslöschbare Wahrheiten zu Papier zu bringen, wie sehr ich mich schon daran gewöhnt habe, zu kurz gedachtes vermittels Delete-Taste aus zu radieren. Und das ist nicht der übliche Kulturpessimismus, sondern das Medium "Postkärtchen" fordert uns eine Unmittelbarkeit ab, die man in unserer auf 160 Zeichen reduzierten Zeit kaum für möglich hielt]

[Und ein Nachruf an meinen (Groß-)Onkel Fred, der einen Tag nach Weihnachten 2011 nach langer Krankheit verstorben ist. Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen.]

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